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COMPANY NEWS


Date: 28.04.2021

"Hohes Tempo - die Tradition im Blick"

Chefsache Das große Interview mit Peter Hack, Vorstandsvorsitzender der Hack AG, in Kurtscheid

 

Diese Backwaren aus dem Westerwald sind wirklich in aller Welt zu finden: im Supermarkt, in der Gastronomie, an Tankstellen und in Raststätten und sogar in der Luft, an Bord der Kranich-Linie. Doch die Hack AG aus Kurtscheid (Kreis Neuwied) gehört eher zu den „Hidden Champions“ der Republik. Ihr Name prangt schon gar nicht auf jedem ihrer Produkte. Und dennoch zählt das mittelständische Unternehmen (250 Mitarbeiter, Jahresumsatz rund 80 Millionen Euro) zu den ganz Großen der Lebensmittelbranche. An der Spitze des „Familienbetriebs“ steht Peter Hack (56), umtriebiger und bestens vernetzter Unternehmer, der – zusammen mit seinem Cousin Thomas (59) – selbst in Corona-Zeiten neue Lösungen findet.


Herr Hack, Ihr Unternehmen zählt zu den „Hidden Champions“ der Lebensmittelindustrie und ist bei Systembäckereiprodukten einer der Marktführer in Deutschland. Müssen wir Verbraucher uns vom traditionellen Bild des „Bäckers meines Vertrauens“, der gleich um die Ecke backt, allmählich lösen?

Das Backhandwerk steht seit Jahren massiv unter Druck. Das liegt aber weniger am Wettbewerb größerer Backbetriebe, sondern eher an den sich veränderten Marktbedingungen. Wir frühstücken weniger zu Hause, sondern mehr „to go“, wir kaufen lieber „one stop“ in einem Geschäft, anstatt verschiedene lokale Fachgeschäfte anzusteuern, und wir haben auch im Backhandwerk echte Nachwuchs- und Fachkräftesorgen.


Nun ist Ihr Unternehmen ja selbst vor gut 90 Jahren aus einer kleinen Bäckerei in Duisburg hervorgegangen. Wie waren denn die Anfänge dieses Familienunternehmens?

Bescheiden. Eine kleine Backstube im Hinterhof, ein Ladenlokal zur Straße. Die ganze Familie hat damals mit angepackt. Wie in vielen kleinen Handwerksbetrieben wurde nicht auf die Uhr geschaut, sondern einfach rund um die Uhr gearbeitet. Unsere Margret, heute noch Mutter der Kompanie, kann da als Zeitzeugin noch unglaubliche Geschichten erzählen.


1967 dann der Umzug nach Kurtscheid im Kreis Neuwied – die visionäre geostrategische Entscheidung für einen Standort zwischen den Ballungsgebieten Rhein-Main und Rhein-Ruhr?

(lacht) Wenn man sich unseren heutigen Standort so ansieht, sollte man vermuten, da waren logistische Experten am Werk. Nein, aus einem puren Zufall hat es unsere Familie in den Rheinischen Westerwald direkt an die A3 verschlagen: Meine Eltern waren hier damals bei Freunden auf einer privaten Hauseinweihung eingeladen. In der Kellerbar, an der Theke, wurde kurzerhand von einem Bauunternehmer auf einem Bierdeckel ein Grundstück samt Gebäude erworben.


Mal bereut, dass Sie nicht im „Pott“ geblieben sind?

Niemals. Wir hätten in Duisburg nie die finanziellen Mittel gehabt zu expandieren. In Kurtscheid kostete der Quadratmeter Grund und Boden damals lediglich 30 Pfennig. Nur das passte ins damalige Budget.

 

Ist man in einem Familienbetrieb eigentlich „verdammt“, das fortzuführen, was Eltern und Großeltern aufgebaut haben?

Na ja, schwierige, aber gute Frage. Mein Cousin Thomas und ich waren uns vor dem Einstieg ins Familienunternehmen einig, so wie die Eltern wollten wir nicht „enden“. Ganz viel Arbeit und permanenter Stress, hohe Verantwortung, unsichere Branche, geringe Margen. Keine gute Basis für einen langfristigen Erfolg. Wir haben es trotzdem getan und bis heute nicht bereut.


Sie und Ihr Cousin sind beide keine Bäcker – aber Kaufleute! Mit welcher Taktik haben Ihre Eltern Sie denn in Kindertagen an das Unternehmen „herangeführt“?

(schmunzelt) Unsere beiden Väter waren für ihren rheinischen Humor und ihre Spitzfindigkeit bekannt. In ganz jungen Jahren, da gingen wir noch zur Schule, wurden wir beide plötzlich zu Unternehmern ernannt und uns wurde die Verantwortung der Tochterfirma Knusperhaus & Co. KG übertragen. Ein Schachzug der beiden Brüder, uns Rotzlöffel Verantwortung zu lehren. Das Konzept hat funktioniert.

 

1984 sind Sie beide dann ins Unternehmen eingetreten – und haben sicher erst mal alles anders machen wollen, oder?

Nein, damals ging es nicht darum, alles anders zu machen, sondern einfach aktiv mit anzupacken, die Chancen des Marktes zu erkennen und aus der Praxis zu lernen. Erst später haben wir dann unsere Ideen eingebracht und nach und nach umgesetzt. Wie kamen dann die Kontakte zu den großen Kunden zustande – und wer zählt heute alles dazu? Schon unser Großvater war ein genialer Netzwerker. Aktiv in vielen Vereinen und ehrenamtlichen Tätigkeiten, lernte man die richtigen Entscheider kennen. Schließlich war es die Freundschaft zu Helmut Horten, der unserem Großvater vertraute und ihn motivierte, für seine Kaufhäuser zu backen. Erst regional, später überregional. Heute zählen die größten Systemgastronomen der Welt zu unseren Kunden. Ob Mc Donald's, Starbucks oder Tank und Rast, Ikea, Deutsche Bahn oder die Lufthansa.

 

Also Backprodukte von Hack auch über den Wolken, in der Bahn oder entlang der Autobahnen?

Ja, wir dürfen uns heute als DER Spezialist der Verkehrsgastronomie in Deutschland bezeichnen. In der Luft ist gerade leider wenig Bewegung und die Lufthansa hat es echt schwer. Die Mobilität ist durch die Pandemie extrem eingeschränkt, das freut Greta, belastet aber die Branche enorm.

 

Bedeutet Wachstum stets auch Diversifizierung?

Heute gehören acht verschiedene Tochterunternehmen zur Gruppe …
Ein Familienunternehmen, das 90 Jahre überleben will, muss überdurchschnittlich flexibel sein. Meist haben wir blitzschnell auf die Anforderungen unserer Kunden und Partner reagiert, manchmal sind wir unserem eigenen Instinkt gefolgt. Daraus sind dann eigene Firmen oder auch Kooperationen entstanden.


Die jüngste „Tochter“ ist Cleanotec, ein Spezialist für Hygienetechnik, den Sie just im ersten Jahr der Pandemie übernommen haben. Zufall, Mosaikstein im Portfolio oder strategische Parallelausrichtung?

Ich würde es mal als unternehmerische Spontanität bezeichnen. Als die ersten Hygieneauflagen die Reise- und Verkehrsgastronomie erreichten, wurden wir um Rat und Tat gefragt. Kurzerhand haben Thomas und ich entschieden, wenn, dann richtig. Mit dem Kauf der Cleanotec GmbH wollten wir nicht als Maskendealer schnelle Geschäfte machen, sondern unsere Kundenbeziehungen zu den Großkonzernen aktiv nutzen. Unser erstes Non-Food-Invest. Schnell haben wir eine Businessstruktur geschaffen, die langfristiges Potenzial hat.

 

Wie sehr ist die Hack-Gruppe denn selbst von der Corona-Krise getroffen worden – Lebensmittel gehen doch eigentlich immer, oder …?

Beim ersten Lockdown waren es noch rund 30 Prozent Umsatzeinbruch. Mittlerweile haben wir fast 50 Prozent unseres Volumens verloren. Niemals zuvor hatten wir solch schwierige Entscheidungen zu treffen. Die Balance aus Kurzarbeit, Homeoffice sowie Abstandhalten auf der einen Seite und neuen Impulsen und Geschäftsideen auf der anderen Seite ist schon mehr als sportlich. Aber wir sind Unternehmer, keine Unterlasser!


Wann, glauben Sie, an die gute Entwicklung vor der Corona-Krise wieder anknüpfen zu können?

Nach Corona gibt es für uns nicht. Wir sprechen intern von der neuen Realität und schon lange nicht mehr vom neuen Normal. Die Pandemie hat uns gelehrt, uns noch mehr auf das Ungeplante und das Überraschende einzustellen. Mit einem hohen Tempo, Flexibilität und der gelebten Tradition blicken wir positiv in die Zukunft!

 

Sie haben die vielleicht etwas ruhigeren Krisenzeiten genutzt, um neue Ideen mit neuen Partnern zu entwickeln. Verraten Sie etwas davon?

Nicht alles kann ich verraten. Aber vielleicht so viel, dass wir verstärkt in neue Gründerunternehmen investieren. Also Startups, die seriös das Ziel haben, mittelfristige und idealerweise langfristige Unternehmeraktivitäten zu entwickeln. Wir selbst haben vor einigen Jahren ein Start-up aus München, Der Gugl, übernommen, um zu lernen, wie diese moderne digitale Welt funktioniert. Mittlerweile haben wir gelernt und verstanden, wie das geht. Ein zweites Projekt haben wir mit dem Olympiasieger Matthias Steiner zusammen entwickelt. Stichwort gesundes Brot. Gerade sind wir in Gründung des Best Founders Club. Darüber berichte ich dann später mal.

 

Ihr „Familienunternehmen“ macht immer wieder Furore, nicht allein durch die Produkte und Märkte, die Sie damit erschließen, sondern auch durch Ihre Aufstellung. So haben Sie einen komplett weiblichen Aufsichtsrat. Wie kam’s dazu?

Mein Vater Harald hat die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden all die Jahre mit großem Stolz ausgefüllt. Nach seinem plötzlichen Tod war für uns klar, dass Margret, Thomas' Mutter, an diese Stelle rückt. Mit Petra Korts aus Köln und Dr. Thorid Klantschisch aus der Schweiz war dann unsere reine Damenmannschaft komplett. Das dürfte national immer noch ziemlich einzigartig sein.


2005 haben Sie anlässlich Ihres 75-jährigen Firmenbestehens die Karl-Hack-Stiftung gegründet – in Erinnerung an Ihren Großvater. Was ist deren Stiftungszweck?

Zunächst wollten wir vermeiden, dass uns Kunden, Lieferanten unPartner Blumen und Gummibäume zu unseren Jubiläen schenken. Mit überregionalen Hilfsprojekten, zum Beispiel in Afrika, hatten wir historisch negative Erfahrungen gemacht. Daher schlug ich meiner Familie vor: Wir gründen jetzt unsere eigene Hilfsorganisation, unsere eigene gemeinnützige Stiftung. Jetzt helfen wir sozial und ausschließlich regional. Aktuell haben wir unseren Stiftungszweck um nachhaltige, regionale Umweltprojekte erweitert. Eines der nächsten Herzensprojekte unserer Familie.

 

Die Menschen in der Region sind Ihnen also wichtig: als Nachbarn, als Arbeitnehmer?

Es ist nicht nur eine Frage der Ehre, es ist gerade jetzt eine Frage unserer sozialen Verantwortung. Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeiter und deren Familien.

 

Und Sie haben offenbar ein Herz für – Goldhasen! Was hat es denn damit auf sich?

(lacht) Ja, das ist eine besondere Geschichte: Eines Tages sprach ich mit den Bossen der Lufthansa über die Probleme der Pandemie. Das war vor einem Jahr, kurz vor Ostern. Der Einkaufschef sagte: „Stell dir vor, wir haben noch 75 000 Lindt-Osterhasen im Zentrallager, die müssen wir in wenigen Tagen vernichten.“ Einen Tag später hatten wir ein regionales Hilfsprojekt mit rund 250 freiwilligen Helfern auf die Beine gestellt. Mal eben, wie es bei Hacks so heißt, wenn es mal eben schnell gehen muss!

 

Zurück zum Kerngeschäft, dem Bäckerhandwerk: Warum müssen Brote und Brötchen heutzutage in unterschiedlichen Bäckereien und -ketten gleich schmecken?

Ich bin der festen Auffassung, dass die Lösung nicht darin liegt, dass alles uniformiert und systematisiert gleich aussieht und gleich schmeckt. Die Regionalität spielt eine wesentliche Rolle in der Bewertung der Qualität. Daher hoffe ich, dass unsere Handwerksbäcker ihre Qualitäten stärker ausnutzen und einbringen.

 

Ohne nun Produktwerbung betreiben zu wollen: Kult sind Brot und Brötchen aus Holzöfen. Ist das im industriellen Rahmen überhaupt möglich oder doch nur ein Marketinggag?

Ich bin froh, Herr Burger, dass Sie mir genau jetzt diese Frage zum Abschluss unseres Gespräches stellen. Der Duft von frisch gebackenem Brot ist der älteste und berühmteste Duft der Menschheit. Wir verstehen uns selbst noch als Handwerksbetrieb, vielleicht von den Dimensionen etwas größer als manch regionaler Dorfbäcker. Wir machen uns aktuell aber die Profi-Frost-Technik zu nutzen und frosten unsere Erzeugnisse unmittelbar nach dem Backen. So vermeiden wir nicht nur unnötige Retouren und Abschriften, sondern erreichen auch eine erstaunlich gute Produktqualität.

 

Wir danken der Rhein-Zeitung für die freundliche Genehmigung und die Erteilung der Nutzungrechte des Artikels.

Quellen: Peter Burger (RZ-Chefredakteur), Fotos Jens Weber

Publikationsangaben: Wirtschaftszeitung der RZ vom 23.04.2021, Seite 4

 

 

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